Das digitale Europa 2.0


Die »Digitalisierung«, sagt man, ändert alles mögliche: das Pressewesen, die Freundschaften, unsere Orientierung im Raum, die Art, wie wir lernen, wie wir Musik hören, arbeiten, kommunizieren, die Ansprüche an demokratische Partizipation, unseren Zugang zu Wissen und überhaupt zu Informationen – unüberschaubar vieles, was die Welt früher gekennzeichnet hat, unterliegt heute so tiefgreifenden Veränderungen, dass der französische Philosoph Michel Serres sagt, es handele sich um »einen der tiefsten historischen Brüche seit dem Neolithikum«.1

Um diese Veränderungen angemessen zu verstehen, müssen wir fragen, welche semantischen Formen heute ihre Grundlage verloren haben. Wir nehmen kulturelle Transformationen mithilfe von Konzepten wahr, die sich historisch entwickelt haben und die immer bestimmte Deutungen (manche sagen: »Narrative«) enthalten. Wenn wir zum Beispiel etwas als »Kunstwerk« bezeichnen, so ist in diesem Namen sehr viel enthalten, das dann die Wahrnehmung des so benannten Dinges prägt. Ein Kunstwerk ist zum Beispiel hergestellt von einem Künstler, es leistet einen wie immer gearteten Beitrag zur Erkenntnis der Welt, des Menschen und dergleichen, es ist originell, genial und so weiter. Solche Zuschreibungen liegen aber nicht in der Logik der Sprache, sondern sie sind historisch entstanden (die genannten Merkmale schreibt man der Kunst beispielsweise erst seit dem 18. Jahrhundert zu). Und wenn sich die Welt tiefgreifend ändert, kann es sein, dass sie unsere Wahrnehmung nicht mehr richtig kanalisieren, weil gar nicht mehr klar ist, was ursprünglich damit gemeint war.

Das digitale Europa macht es sich zur Aufgabe, solche Transformationen zu beschreiben. Dazu sind, die nun gegebene Erklärung vorausgesetzt, verschiedene Schritte nötig:

  1. Welche Konzepte sind für die im Zuge der Digitalisierung stattfindenden Veränderungen überhaupt wichtig?
  2. Inwiefern haben diese Konzepte unsere Wahrnehmung der Welt maßgeblich geprägt?
  3. Warum passen die Konzepte nicht mehr auf gegenwärtige oder zukünftige Phänomene und inwiefern führt diese Diskrepanz zu Irritationen?

In loser Folge liefert das digitale Europa, das Zentralorgan gegenwärtiger Welterschließung, dichte Beschreibungen solcher unsere Welt aus dem Vergangenen erklärenden Konzepte. Woran erkennen wir sie? Ein guter Hinweis auf ihre Bedeutung ist es, wenn sie zwar, näher betrachtet, einen sehr klaren historischen Index haben (so wie die Semantik des »Kunstwerks«), uns aber so selbstverständlich und buchstäblich natürlich vorkommen, dass wir normalerweise gar nicht merken, welche Implikationen sie enthalten.


  1. Michel Serres: Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation, dt. Übers. Frankfurt am Main 2013, S. 9.




Die Kritik muss auch die Software umfassen! Vorbild sind John Siracusas monografische Rezensionen über OS X http://t.co/XXpW6XWUWD


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October 24, 2013 at 01:07AM



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October 20, 2013 at 11:50AM



Michael Mierschs Topik der Gegenwart

Außer dass es nicht als gedrucktes Buch erschienen ist, sondern ausschließlich als e-Book, gibt es auf den ersten Blick wenig Bezüge zwischen dem Kritisierten und dem Kritisierenden. Das kritisierende Organ ist das digitale Europa, die Webpage des 21. Jahrhunderts, die sich dem Übergang in unsere neue, digitale Gegenwart verschrieben hat. Kritisiert wird heute ein 2012 erschienenes e-Book mit dem Titel Die Hippies haben gewonnen von Michael Miersch.

Thema des Buchs ist »der deutsche Werte-Konsens«, also der Zeitgeist, das, was ohne weiteres Hinterfragen und ohne dass jemand es überhaupt explizit behauptet hätte, allgemein als Wahrheit gilt: Atomkraft ist schlecht, alles, auf dem »Bio« steht, ist gut, Krieg ist grundsätzlich abzulehnen und der Technik ist nicht zu trauen. Im zweiten Teil seines Buches gibt Miersch eine Art Katalog der Gemeinplätze, die er in der deutschen Gegenwart ausmacht. Amerika, Israel, der Westen, die Natur, der Markt und andere kommen da vor – und man braucht in der Tat nicht hinzuzufügen, wie die konsensuelle Bewertung jeweils ausfällt.

Den Schwerpunkt seines Buchs legt Miersch auf den Versuch, die Genese der beschriebenen Situation zu erklären. Wie der Titel sagt, sieht Miersch die Verantwortung nicht bei den »68ern«, sondern bei der viel unpolitischeren und weitaus massenwirksameren Hippiekultur. Nicht zuletzt mit dieser Zuschreibung soll der Zeitgeist offenbar als Modeerscheinung ohne jede inhaltliche Tiefe entlarvt werden. Diese Erklärung ist plausibel, denn charakterisitisch für den Lebensstil der Blumenkinder ist tatsächlich jene spezifische Mischung, die Miersch im heutigen Konsenskatalog verzeichnet; auch die religiöse Überformung, die Miersch treffsicher in der Popkultur der Gegenwart ausmacht, fügt sich hier ins Bild: »In der Popkultur haben Delfine die Rolle der Engel eingenommen: höhere Wesen, die uns Menschen Botschaften übermitteln.« Miersch belässt es indes nicht dabei, sondern weist auf das im vollen Gange befindliche Durchsickern jenes Wertesystems in das konservative Bürgertum und auch auf den nationalsozialistischen Ursprung des Umweltgedankens hin (ausführlicher dazu hier).

Mierschs Ausführungen hierzu sind für sich interessant, und sie überzeugen auch im Großen und Ganzen. Das eigentliche Verdienst des Buches liegt aber nicht in der inhaltlichen Bearbeitung dieser speziellen Konfiguration, es besteht in dem Hinweis auf die Bedeutung des Zeitgeistes. Der stärkste Teil ist so der erste, in dem Miersch allgemein über den Zeitgeist handelt. Verdienstreich, weil dieses Thema zumindest teilweise trivial und insofern die Behandlung nicht selbstverständlich ist; zum anderen, weil es so gut wie keine Tradition des Schreibens über Zeitgeist gibt: Meist interessiert nur das, was wahr oder falsch ist, nicht das, was die meisten Menschen ungefragt annehmen. Mierschs Buch zählt zu den wenigen Büchern, die sich überhaupt ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen.

Miersch weiß um die Schwierigkeit seines Themas: »Kaum etwas«, schreibt er, »ist schwieriger, als das Typische der eigenen Gegenwart zu bemerken.« Charakterisitsch für das Typische ist nämlich gerade, dass es fast immer unbewusst bleibt. Man muss es nicht explizit behaupten, und kann sich trotzdem darauf verlassen, dass andere es teilen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob das derart Vorausgesetzte wahr ist. Hierfür spricht etwa das so genannte Konformitätsexperiment des Sozialpsychologen Solomon Asch, auf das Miersch verweist: Probanden sollten verschieden lange Linien vergleichen, und es zeigte sich, dass sie der Meinung der anderen Personen im Raum (es waren als Mitprobanden getarnte Forscher) mehr Gewicht einräumten als der eigenen Wahrnehmung. Es sind also, schließt Miersch mit Epiktet, nicht Tatsachen, sondern Meinungen über Tatsachen, die unser Zusammenleben bestimmen. Die alten Griechen hatten übrigens unter dem Namen Topik eine eigene Lehre von dem Für-Wahr-Gehaltenen, die später als nicht voll wahrheitsfähig aus der Wissenschaft verdrängt wurde und heute beinahe in Vergessenheit geraten ist.

Es ist schade, dass Miersch die Radikalität der Perspektive, auf die er hinweist, selbst nicht konsequent durchhält. So übt er sich besonders im zweiten und dritten Teil seiner Ausführungen immer wieder in Kritik an den allgemein für wahr gehaltenen Topoi: »Aber was ist, wenn die Prämissen nicht stimmen? Wenn fast alle Meinungsführer in einer ähnlichen Denkfalle sitzen wie unsere Urgroßväter in Sachen Eugenik?« Konsequent wäre es indes, wenn Miersch die Wahrheit der Prämissen dahingestellt sein ließe. Denn, das hat er selbst vorher überzeugend dargestellt, es kommt nicht so sehr darauf an, ob eine Annahme stimmt, sondern eher darauf, ob die Mehrheit der Leute sie für wahr halten. Auch ist die Wirksamkeit der Topiken kaum durch Aufklärung zu bekämpfen. Die Polemik, die weite Teile des Buches prägt, wäre in diesem Sinne gar nicht nötig gewesen. Schon die Herstellung eines distanzierten Blicks, die der erste Teil leistet, hätte genügt, um die hippiesken Gemeinplätze vorzuführen.

Mierschs Perspektive auf den Zusammenhang von Wahrheit und Meinung ist, darin besteht dann doch ein Bezug zwischen Kritisiertem und Kritisierendem, wie das digitale Europa findet, dem Zeitalter des Internets ganz besonders angemessen. Wikipedia ist dafür ein starkes Symbol: Konnte früher der Brockhaus im Bücherregal Wetten entscheiden, weil man immer nachschauen konnte, ›wie es wirklich ist‹, so demonstriert die Wikipedia die unüberschaubare Dynamik unseres Wissens. Im Internet findet sich alles, nur verlassen kann man sich auf nichts. Die strenge Prüfung auf ›wahr‹ und ›falsch‹ geht deshalb immer am eigentlichen Punkt vorbei. Sie müsste zumindest ergänzt werden durch neue Instrumentarien zur Vermessung des bloß Plausiblen, dessen also, was Miersch Zeitgeist nennt. Miersch selbst benennt diesen Zusammenhang nicht explizit, die Wahl der Publikationsform e-Book ist aber vielleicht ein Hinweis auf die Affinität von digitaler Epoche und Topik.

Michael Miersch: Die Hippies haben gewonnen, ebook, München 2012.



Bildkommentar #1: Das Buch

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Sportliche Strumpfhosen soll kaufen, wer sich mit dem Modell identifiziert. Wie es auch heute noch die Art der Werbung ist, werden nur die erstrebenswertesten Attribute gezeigt, so dass die Suggestion lautet: Wer das Beworbene kauft, wird wie das Modell – attraktiv, sportlich, gebildet. Das Signum der Bildung ist das Buch, das der Herr liest, ein Band aus der »edition suhrkamp«. In der Zeit, aus der das Bild stammt, erkannte man Bildung bereits am Umschlag, denn es sahen nicht alle Bücher, wie heute, gleich aus. Die »edition suhrkamp« zeigt an, dass der Leser höchste literarische Ansprüche hat und intellektuell keine Kompromisse macht. Mehr noch als die antiquierte Bartmode, die Farbgestaltung und das beworbene Produkt selbst ist es diese Kopplung von sexueller Attraktivität und Bildung, die die Annonce heute so fremd erscheinen lässt.

Warum wählt das Das digitale Europa, die kritische Blogsite des w.w.w.-saeculum, dieses Bild als take-off-platform für sein Kommentarwesen? Damit soll nicht etwa nahegelegt werden, dass es das Internet gewesen sei, das uns diese Konstellation hat fremd werden lassen. Es soll nur darauf hinweisen, dass heute ein unübersehbarer Unterschied zu früheren Wertsystemen besteht. Ohne schon anzugeben, worin genau er besteht oder was ihn verursacht hat, scheint uns dieser Hinweis wichtig, und dies gerade aus dem Grund, dass diese Einsicht eigentlich trivial ist (das Offensichtlichste gerät ja am leichtesten aus dem Blick). Die Kritik des Internets muss sich nämlich, bevor sie ansetzt, über ihre Maßstäbe klar werden. Die Intuition des digitalen Europa lautet nun, dass die auch in diesem Bild kondensierten Maßstäbe – die Maßstäbe von Subjektivität, Bildung, Originalität und Geist, die, wie das Bild zeigt, sogar die Kulturrevolution 1968 überdauert haben – möglicherweise gar nicht mehr passen.

Das Internet ist also, meint Das digitale Europa, gar nicht der Grund für diesen Wandel. Es ist aber heute zumindest sein stärkstes Symbol und wohl auch sein mächtigster Kombattant: Die moralische und tatsächliche Antiquiertheit der »edition suhrkamp« ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass es heute keinen Unterschied mehr macht, welche Bücher man liest – zumindest keinen, der die Attraktivität steigern könnte. Stattdessen findet man sich mit der Vorstellung ab, dass die unüberschaubare Fülle des Wissens nicht beherrscht werden kann und auch gar nicht beherrscht werden muss.

Auch hierfür ist das Internet ein Katalysator: Die massenhafte Präsenz von Büchern in einer Bibliothek legte nahe, dass nur der sich überhaupt orientieren kann, der einen Überblick (= Bildung) hat, der also möglichst viele der Bücher gelesen hatte – zumindest die, auf die es ankommt (= Kanon). Die Voraussetzung für jedes eigene Urteil war die Übersicht über das »Ganze«. Dass diese Vorstellung auf das Internet gar nicht passt, liegt auf der Hand. Sie ist aber auch als regulative Idee nicht mehr nötig, weil es nun Methoden gibt, selbst solche Stellen zu finden, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt. Vielleicht, so schließt Das Digitale Europa seine erste Blogpost – nicht ohne weitere Behandlung dieses Punkts in Aussicht zu stellen –, wird das Bücherlesen auf uns bald so fremd wirken wie das Pfeifenrauchen und das Tragen »sportlicher« Strumpfhosen.



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