Bildkommentar

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Kommentar:

Sportliche Strumpfhosen soll kaufen, wer sich mit dem Modell identifiziert. Wie es auch heute noch die Art der Werbung ist, werden nur die erstrebenswertesten Attribute gezeigt, so dass die Suggestion lautet: Wer das Beworbene kauft, wird wie das Modell – attraktiv, sportlich, gebildet. Das Signum der Bildung ist das Buch, das der Herr liest, ein Band aus der »edition suhrkamp«. In der Zeit, aus der das Bild stammt, erkannte man Bildung bereits am Umschlag, denn es sahen nicht alle Bücher, wie heute, gleich aus. Die »edition suhrkamp« zeigt an, dass der Leser höchste literarische Ansprüche hat und intellektuell keine Kompromisse macht. Mehr noch als die antiquierte Bartmode, die Farbgestaltung und das beworbene Produkt selbst ist es diese Kopplung von sexueller Attraktivität und Bildung, die die Annonce heute so fremd erscheinen lässt.

Warum wählt das Das digitale Europa, die kritische Blogsite des w.w.w.-saeculum, dieses Bild als take-off-platform für sein Kommentarwesen? Damit soll nicht etwa nahegelegt werden, dass es das Internet gewesen sei, das uns diese Konstellation hat fremd werden lassen. Es soll nur darauf hinweisen, dass heute ein unübersehbarer Unterschied zu früheren Wertsystemen besteht. Ohne schon anzugeben, worin genau er besteht oder was ihn verursacht hat, scheint uns dieser Hinweis wichtig, und dies gerade aus dem Grund, dass diese Einsicht eigentlich trivial ist (das Offensichtlichste gerät ja am leichtesten aus dem Blick). Die Kritik des Internets muss sich nämlich, bevor sie ansetzt, über ihre Maßstäbe klar werden. Die Intuition des digitalen Europa lautet nun, dass die auch in diesem Bild kondensierten Maßstäbe – die Maßstäbe von Subjektivität, Bildung, Originalität und Geist, die, wie das Bild zeigt, sogar die Kulturrevolution 1968 überdauert haben – möglicherweise gar nicht mehr passen.

Das Internet ist also, meint Das digitale Europa, gar nicht der Grund für diesen Wandel. Es ist aber heute zumindest sein stärkstes Symbol und wohl auch sein mächtigster Kombattant: Die moralische und tatsächliche Antiquiertheit der »edition suhrkamp« ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass es heute keinen Unterschied mehr macht, welche Bücher man liest – zumindest keinen, der die Attraktivität steigern könnte. Stattdessen findet man sich mit der Vorstellung ab, dass die unüberschaubare Fülle des Wissens nicht beherrscht werden kann und auch gar nicht beherrscht werden muss.

Auch hierfür ist das Internet ein Katalysator: Die massenhafte Präsenz von Büchern in einer Bibliothek legte nahe, dass nur der sich überhaupt orientieren kann, der einen Überblick (= Bildung) hat, der also möglichst viele der Bücher gelesen hatte – zumindest die, auf die es ankommt (= Kanon). Die Voraussetzung für jedes eigene Urteil war die Übersicht über das »Ganze«. Dass diese Vorstellung auf das Internet gar nicht passt, liegt auf der Hand. Sie ist aber auch als regulative Idee nicht mehr nötig, weil es nun Methoden gibt, selbst solche Stellen zu finden, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt. Vielleicht, so schließt Das Digitale Europa seine erste Blogpost – nicht ohne weitere Behandlung dieses Punkts in Aussicht zu stellen –, wird das Bücherlesen auf uns bald so fremd wirken wie das Pfeifenrauchen und das Tragen »sportlicher« Strumpfhosen.