Faszinosum Gunter Dueck

Von Gunter Dueck geht ganz offenbar eine Faszination aus. Dueck schreibt Bücher, twittert, dokumentiert Vorträge auf YouTube, und er wird eingeladen, wenn es um neue Medien und die digitale Zukunft geht. Noch bis vor kurzem war er nur Insidern bekannt, doch seit seinem vielbeachteten Vortrag auf der re:publika 2011 steigt seine Popularität stetig. Nun gibt es sogar einen Podcast, in dem man Dueck Fragen über Gott und die Welt stellen kann, Titel: „Die Welt fragt, Gunter Dueck antwortet“ – soeben ist schon die vierte Folge erschienen. Die Hörer fragen Dueck zu allen möglichen Themen, sowohl zu aktuellen Debatten über das Internet, ebenso aber auch zu Fragen der Bildung und Kindererziehung. Die Hörer befragen Dueck wie ein modernes Orakel: Dueck wird es schon wissen.

Dueck ist Mathematiker, hat als Hochschullehrer gearbeitet und ist dann ins höhere Management bei IBM gewechselt. Heute bezeichnet er sich als Philosoph. Er ist Autor mehrerer Bücher zu allgemeinen und spezielleren Fragen, sein bisheriges opus magnum ist die so genannte „Omnisophie“, eine Theorie der Menschenarten, wonach es im wesentlichen drei Typen Mensch gibt, die, so die Pointe, unterschiedliche Behandlung erfordern. Die Naivität, mit der Dueck seine „Ideen“ verkauft, schadet der ihm zugeschriebenen Kompetentz in keiner Weise, im Gegenteil, Dueck, so meint man, weiß es und er sagt es in einfachen Worten. Es ist gerade die Einfachheit und Nützlichkeit dieses Wissens, die jede andere Position intuitiv als widersinnig erscheinen lassen. Dueck verkauft uns das Wissen praktisch, zu jeder Idee hat er zwei bis drei Anwendungsbeispiele. Seine Stimme klingt weich, der Duktus erinnert ein bisschen an Niklas Luhmann, und tatsächlich klingen viele der weniger theoretischen Äußerungen Luhmanns so wie heute Gunter Dueck klingt.

Weshalb hat Deutschland auf Gunter Dueck gewartet? Was steckt hinter der eigentümlichen Faszination, die von seinen Reden ausgeht? Seine Glaubwürdigkeit bezieht er nicht aus philosophischer Bildung, sondern vollständig aus seiner Managertätigkeit. Seine Philosophie ist strikt am Modell des Führens von Mitarbeitern ausgerichtet, und die hier gefundenen Techniken werden auf die Gesellschaft, insbesondere auf die Erziehung generalisiert. Es ist unmittelbar der persönliche und ökonomische Erfolg, von dem Duecks Thesen ihre Glaubwürdigkeit beziehen. Der ökonomische Hintergrund ist es wohl auch, der ihren latent faschistischen Gestus neutralisiert: „Führen“ von Menschen, die Typologie von Menschenarten – aber das ist ja praktisch im Unternehmen erprobt und es hat wirklich zum Erfolg geführt. Kein Verdacht: Dueck klingt so sanft, sehr bescheiden und versucht nur, durch Wissen und Einsicht zu helfen. Er trägt seine Visionen einer besseren und humaneren digitalen Zukunft mit liebenswerter Unsicherheit, vielleicht auch manchmal mit kalkulierter Unbeholfenheit vor.

Dueck selbst hat in einem Podcast sein eigentümliches Charisma anekdotisch charakterisiert: In Besprechungen habe er anfangs oft stumm dabei gesessen, während die anderen Manager über ein Problem gestitten hätten. Zwanzig Minuten habe er sich alles angehört, nur äußerlich sei er teilnahmslos gewesen, sein Hirn habe heimlich gearbeitet, und nach Ablauf der Latenzzeit habe er dann gesagt: „Es ist doch so-und-so, und die beste Lösung ist die-und-die.“ Da hätten die Chefs und Kollegen applaudiert und gesagt: „Ja, unser Dueck hat Recht, so machen wir es!“ Dueck findet die Lösung scheinbar epiphantisch, nicht als mühsame Pro-und-conra-Abwägung, und auch nicht im „vornehmen Ton“ des Intellektuellen, sondern vielmehr nach Art eines Propheten.