Michael Mierschs Topik der Gegenwart

Außer dass es nicht als gedrucktes Buch erschienen ist, sondern ausschließlich als e-Book, gibt es auf den ersten Blick wenig Bezüge zwischen dem Kritisierten und dem Kritisierenden. Das kritisierende Organ ist das digitale Europa, die Webpage des 21. Jahrhunderts, die sich dem Übergang in unsere neue, digitale Gegenwart verschrieben hat. Kritisiert wird heute ein 2012 erschienenes e-Book mit dem Titel Die Hippies haben gewonnen von Michael Miersch.

Thema des Buchs ist »der deutsche Werte-Konsens«, also der Zeitgeist, das, was ohne weiteres Hinterfragen und ohne dass jemand es überhaupt explizit behauptet hätte, allgemein als Wahrheit gilt: Atomkraft ist schlecht, alles, auf dem »Bio« steht, ist gut, Krieg ist grundsätzlich abzulehnen und der Technik ist nicht zu trauen. Im zweiten Teil seines Buches gibt Miersch eine Art Katalog der Gemeinplätze, die er in der deutschen Gegenwart ausmacht. Amerika, Israel, der Westen, die Natur, der Markt und andere kommen da vor – und man braucht in der Tat nicht hinzuzufügen, wie die konsensuelle Bewertung jeweils ausfällt.

Den Schwerpunkt seines Buchs legt Miersch auf den Versuch, die Genese der beschriebenen Situation zu erklären. Wie der Titel sagt, sieht Miersch die Verantwortung nicht bei den »68ern«, sondern bei der viel unpolitischeren und weitaus massenwirksameren Hippiekultur. Nicht zuletzt mit dieser Zuschreibung soll der Zeitgeist offenbar als Modeerscheinung ohne jede inhaltliche Tiefe entlarvt werden. Diese Erklärung ist plausibel, denn charakterisitisch für den Lebensstil der Blumenkinder ist tatsächlich jene spezifische Mischung, die Miersch im heutigen Konsenskatalog verzeichnet; auch die religiöse Überformung, die Miersch treffsicher in der Popkultur der Gegenwart ausmacht, fügt sich hier ins Bild: »In der Popkultur haben Delfine die Rolle der Engel eingenommen: höhere Wesen, die uns Menschen Botschaften übermitteln.« Miersch belässt es indes nicht dabei, sondern weist auf das im vollen Gange befindliche Durchsickern jenes Wertesystems in das konservative Bürgertum und auch auf den nationalsozialistischen Ursprung des Umweltgedankens hin (ausführlicher dazu hier).

Mierschs Ausführungen hierzu sind für sich interessant, und sie überzeugen auch im Großen und Ganzen. Das eigentliche Verdienst des Buches liegt aber nicht in der inhaltlichen Bearbeitung dieser speziellen Konfiguration, es besteht in dem Hinweis auf die Bedeutung des Zeitgeistes. Der stärkste Teil ist so der erste, in dem Miersch allgemein über den Zeitgeist handelt. Verdienstreich, weil dieses Thema zumindest teilweise trivial und insofern die Behandlung nicht selbstverständlich ist; zum anderen, weil es so gut wie keine Tradition des Schreibens über Zeitgeist gibt: Meist interessiert nur das, was wahr oder falsch ist, nicht das, was die meisten Menschen ungefragt annehmen. Mierschs Buch zählt zu den wenigen Büchern, die sich überhaupt ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen.

Miersch weiß um die Schwierigkeit seines Themas: »Kaum etwas«, schreibt er, »ist schwieriger, als das Typische der eigenen Gegenwart zu bemerken.« Charakterisitsch für das Typische ist nämlich gerade, dass es fast immer unbewusst bleibt. Man muss es nicht explizit behaupten, und kann sich trotzdem darauf verlassen, dass andere es teilen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob das derart Vorausgesetzte wahr ist. Hierfür spricht etwa das so genannte Konformitätsexperiment des Sozialpsychologen Solomon Asch, auf das Miersch verweist: Probanden sollten verschieden lange Linien vergleichen, und es zeigte sich, dass sie der Meinung der anderen Personen im Raum (es waren als Mitprobanden getarnte Forscher) mehr Gewicht einräumten als der eigenen Wahrnehmung. Es sind also, schließt Miersch mit Epiktet, nicht Tatsachen, sondern Meinungen über Tatsachen, die unser Zusammenleben bestimmen. Die alten Griechen hatten übrigens unter dem Namen Topik eine eigene Lehre von dem Für-Wahr-Gehaltenen, die später als nicht voll wahrheitsfähig aus der Wissenschaft verdrängt wurde und heute beinahe in Vergessenheit geraten ist.

Es ist schade, dass Miersch die Radikalität der Perspektive, auf die er hinweist, selbst nicht konsequent durchhält. So übt er sich besonders im zweiten und dritten Teil seiner Ausführungen immer wieder in Kritik an den allgemein für wahr gehaltenen Topoi: »Aber was ist, wenn die Prämissen nicht stimmen? Wenn fast alle Meinungsführer in einer ähnlichen Denkfalle sitzen wie unsere Urgroßväter in Sachen Eugenik?« Konsequent wäre es indes, wenn Miersch die Wahrheit der Prämissen dahingestellt sein ließe. Denn, das hat er selbst vorher überzeugend dargestellt, es kommt nicht so sehr darauf an, ob eine Annahme stimmt, sondern eher darauf, ob die Mehrheit der Leute sie für wahr halten. Auch ist die Wirksamkeit der Topiken kaum durch Aufklärung zu bekämpfen. Die Polemik, die weite Teile des Buches prägt, wäre in diesem Sinne gar nicht nötig gewesen. Schon die Herstellung eines distanzierten Blicks, die der erste Teil leistet, hätte genügt, um die hippiesken Gemeinplätze vorzuführen.

Mierschs Perspektive auf den Zusammenhang von Wahrheit und Meinung ist, darin besteht dann doch ein Bezug zwischen Kritisiertem und Kritisierendem, wie das digitale Europa findet, dem Zeitalter des Internets ganz besonders angemessen. Wikipedia ist dafür ein starkes Symbol: Konnte früher der Brockhaus im Bücherregal Wetten entscheiden, weil man immer nachschauen konnte, ›wie es wirklich ist‹, so demonstriert die Wikipedia die unüberschaubare Dynamik unseres Wissens. Im Internet findet sich alles, nur verlassen kann man sich auf nichts. Die strenge Prüfung auf ›wahr‹ und ›falsch‹ geht deshalb immer am eigentlichen Punkt vorbei. Sie müsste zumindest ergänzt werden durch neue Instrumentarien zur Vermessung des bloß Plausiblen, dessen also, was Miersch Zeitgeist nennt. Miersch selbst benennt diesen Zusammenhang nicht explizit, die Wahl der Publikationsform e-Book ist aber vielleicht ein Hinweis auf die Affinität von digitaler Epoche und Topik.

Michael Miersch: Die Hippies haben gewonnen, ebook, München 2012.