Das digitale Europa

Die »Digitalisierung«, sagt man, ändert alles mögliche: das Pressewesen, die Freundschaften, unsere Orientierung im Raum, die Art, wie wir lernen, wie wir Musik hören, arbeiten, kommunizieren, die Ansprüche an demokratische Partizipation, unseren Zugang zu Wissen und überhaupt zu Informationen – unüberschaubar vieles, was die Welt früher gekennzeichnet hat, unterliegt heute so tiefgreifenden Veränderungen, dass der französische Philosoph Michel Serres sagt, es handele sich um »einen der tiefsten historischen Brüche seit dem Neolithikum«.[^ Michel Serres: Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation, dt. Übers. Frankfurt am Main 2013, S. 9.]

Um diese Veränderungen angemessen zu verstehen, müssen wir fragen, welche semantischen Formen heute ihre Grundlage verloren haben. Wir nehmen kulturelle Transformationen mithilfe von Konzepten wahr, die sich historisch entwickelt haben und die immer bestimmte Deutungen (manche sagen: »Narrative«) enthalten. Wenn wir zum Beispiel etwas als »Kunstwerk« bezeichnen, so ist in diesem Namen sehr viel enthalten, das dann die Wahrnehmung des so benannten Dinges prägt. Ein Kunstwerk ist zum Beispiel hergestellt von einem Künstler, es leistet einen wie immer gearteten Beitrag zur Erkenntnis der Welt, des Menschen und dergleichen, es ist originell, genial und so weiter. Solche Zuschreibungen liegen aber nicht in der Logik der Sprache, sondern sie sind historisch entstanden (die genannten Merkmale schreibt man der Kunst beispielsweise erst seit dem 18. Jahrhundert zu). Und wenn sich die Welt tiefgreifend ändert, kann es sein, dass sie unsere Wahrnehmung nicht mehr richtig kanalisieren, weil gar nicht mehr klar ist, was ursprünglich damit gemeint war.

Das digitale Europa macht es sich zur Aufgabe, solche Transformationen zu beschreiben. Dazu sind, die nun gegebene Erklärung vorausgesetzt, verschiedene Schritte nötig:

  1. Welche Konzepte sind für die im Zuge der Digitalisierung stattfindenden Veränderungen überhaupt wichtig?
  2. Inwiefern haben diese Konzepte unsere Wahrnehmung der Welt maßgeblich geprägt?
  3. Warum passen die Konzepte nicht mehr auf gegenwärtige oder zukünftige Phänomene und inwiefern führt diese Diskrepanz zu Irritationen?

In loser Folge liefert das digitale Europa, das Zentralorgan gegenwärtiger Welterschließung, dichte Beschreibungen solcher unsere Welt aus dem Vergangenen erklärenden Konzepte. Woran erkennen wir sie? Ein guter Hinweis auf ihre Bedeutung ist es, wenn sie zwar, näher betrachtet, einen sehr klaren historischen Index haben (so wie die Semantik des »Kunstwerks«), uns aber so selbstverständlich und buchstäblich natürlich vorkommen, dass wir normalerweise gar nicht merken, welche Implikationen sie enthalten.