»artist«

Seit einigen Jahren, wahrscheinlich seit der Radikalisierung der Urheberrechtsdebatte, taucht eine semantische Form regelmäßig auf, die zu den Kernbeständen der alteuropäischen Tradition gehört: der “artist”.

Zur Tradition kann man sehr viel sagen, muss es aber vielleicht nicht. Zentral für die Tradition seit der Aufklärung – und hier entfaltet die Künstlersemantik ihre mächtige Wirkung – sind wohl zwei Aspekte, die beide aus der semantischen Festlegung abgeleitet sind, der Künstler sei notwendig ein “Genie”, also eine menschliche Instanz der göttlichen Schöpfungsmacht. Erstens wird daraus eine bestimmte Beschreibung des Produktionsakts und des Produkts abgeleitet: Das Genie schafft nur aus sich selbst heraus eine eigene Welt, das dann nur nach seinen eigenen Maßstäben bewertet werden kann; Originalität und Individualität sind zwei der wichtigsten ihm zugeschriebenen Merkmale. Zweitens geht mit der Künster-Genie-Semantik die Vorstellung einher, dass man dazu geboren sei und diese Vorstellung hat im Kontext der Französischen Revolution insofern ein politisches Potenzial, als es ein Idealmodell des Aufstiegs des Bürgertums ist. Der Künstler steht höher im Kurs als etwa der Fürst, ist von Adel unabhängig und steht so für die soziale Durchlässigkeit.

Hinweise auf eine neue “artist”-Semantik finden sich vor allem dort, wo die neuen Entwicklungen auf dem Musikmarkt diskutiert werden, so etwa im Zusammenhang der vor einigen Jahren radikalisierten Urheberrechtsdebatte. Ein gutes Beispiel wurde kürzlich ausgestellt, als einige “Indie”-“artists” gegen die dreimonatige, unbezahlte Probezeit des neuen Dienstes Apple Music protestierten. Die Semantik, die man hier findet, ist insofern interessant, als sie vollständig implizit auftaucht. Solches Implizitbleiben semantischer Formen kann meistens als Hinweis darauf interpretiert werden, dass eine bestimmte Semantik als selbstverständlich angesehen wird. Der “artist” ist ein solcher Fall, der Begriff wird wie ein gewöhnliches Wort ganz ohne Kontextualisierung gebraucht, er definiert jedoch bestimmte normative Erwartungen.

Eine dieser Erwartungen besagt, dass artists bezahlt werden müssen. Diese Formel ist sicher nicht kontraintuitiv, aber sie verdient dennoch eine Reflexion. Denn der artist ist ja im Gefüge der alteuropäischen Semantik gerade das Gegenmodell zum Berufsmenschen. Man bedenke nur die wichtige Rolle, die das Mäzenatentum für die Kunst, insbesondere für die Musik hatte und – Stichwort Öffentlich Rechtlicher Rundfunk – bis heute hat. Wenn es im 20. Jahrhundert einzelne Musiker gibt, die sehr gut mit ihrer Musik verdienen, so sind dies zumeist Vertreter der Pop- und Schlagermusik, die ja ihrerseits in einer gewissen Spannung zum Begriff der “Kunst” stand und teils noch steht. Dies ist interessant vor allem im Hinblick auf die Latenz der artist-Semantik, also der Tatsache, dass zwar normative Erwartungen mit dem Verweis auf die “artists” motiviert werden, was nur durch die aufgeladene Geschichte des Kunstbegriffs funktioniert, zugleich diese Semantik aber gerade das Gegenteil dessen bezeichnet, um das es hier geht, nämlich um Pop-, Rock oder gar “Indie”-Musik. Unter “Independent”, einst als Bezeichnung für vom Markt “unabhängige” Bands eingebürgert, versteht man heute ja zumeist ein musikalisches Genre, das man früher “Poprock” genannt hat und das ebenso marktförmig funktioniert wie das meiste andere auch. Was das Label aber nach wie vor ausstrahlt, ist der Schein des Freien und Umdomestizierten, wiederum Eigenschaften, die der wie selbstverständlich angenommenen Erwartung, Künstler müssten Geld verdienen, gerade entgegensteht.

Die “artist”-Semantik ist deshalb ein besonders interessanter Fall semantischer Transformationen, weil hier eine eigentümliche Spannung zu beobachten ist: Transportiert wird die Hochschätzung des Künstlers, die sich aus der humanistischen Tradition speist, die die Kunst und den Künstler als Alternative zur bürgerlichen Welt konzipiert hatte. …